Interview mit Ulf Reichardt: „Digitalisierung kommt nicht. Sie ist schon längst da!“

Die Digitale Wirtschaft ist für Ballungsräume wie die Rheinmetropole Köln nicht mehr wegzudenken. Verschiedene Gründerzentren, Co-Working-Spaces und Inkubatoren versuchen jungen Gründern und ihren Startups ein vielfältiges Programm zu bieten. Die Industrie- und Handelskammer der Stadt versteht sich dabei als Unterstützer der digitalen Denker und möchte laut einem Bericht der Bergischen Landeszeitung zur „Digitalisierungskammer“ aufsteigen. „#DigiBuzz – Das Magazin für das Digital Business“ fragte nach und sprach mit Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, über die digitalen Potenziale, die Chancen für Startups und die damit verbundenen Herausforderungen an die Region.

Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln. Quelle: Peter Boettcher / IHK Köln

Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln. Quelle: Peter Boettcher / IHK Köln

Herr Reichardt, warum braucht die Stadt Köln die digitale Wirtschaft?

Ulf Reichardt: Die Digitalisierung ist eines der Megathemen der Wirtschaft. Durchweg alle Branchen positionieren sich neu oder revolutionieren ihre Produkte und Dienstleistungen durch den Einsatz von IT und Internet. Für die Anbieter digitaler Leistungen ist das ein riesiges Gründungs- und Wachstumspotenzial. Für die anwendenden Unternehmen bedeutet die Digitalisierung das Sichern von Wettbewerbsfähigkeit und das Ergreifen neuer Chancen. Über die Infrastruktur des Internets ergeben sich neue Märkte und die Optimierung vorhandener Geschäftsprozesse- und -modelle.

Wie beurteilen Sie die Chancen der Startup-Szene in Köln? Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen?

Ulf Reichardt: Köln und das Umland bieten der Startup-Szene ein enormes Potenzial. Die Chancen liegen in der Attraktivität und der Infrastruktur der Region mit ihrem breiten Branchenmix und dem gesunden Verhältnis von Industrie, Handel und Dienstleistungen, ebenso wie in der vielfältigen und erstklassigen Hochschullandschaft. Die Mischung macht’s! Der Standort ist vielseitig, flexibel und vital. Das spiegelt auch die regionale Startup-Szene wider. Ablesen lässt sich das unter anderem an den vielen institutionellen und privaten Initiativen und Angeboten, die Startups und alle Gründungsinteressenten unterstützen. Die Herausforderung für Köln ist, dass hier sehr viel in diesem Bereich geschieht, sich aber – anders als beispielsweise in Berlin – noch keine gemeinsame Strömung herausgeprägt hat. Das bedeutet nicht, dass sich alle zusammenschließen müssen. Wenn aber alle Beteiligten, auch die Startups selbst, gemeinsam und immer wieder auf Köln aufmerksam machen würden, würde das auf Dauer mehr Anziehungskraft auf weitere Startups entfalten. In dieser Vernetzung sehe ich auch eine wesentliche Aufgabe der IHK.

Ist der Hype um das „Berlin Valley“ eher gerechtfertigt oder doch nur eine Blase?

Ulf Reichardt: Genau diese Frage haben wir kürzlich in unserem Ausschuss für Informations- und Kommunikationstechnik diskutiert. Zu Gast hatten wir einen Internetunternehmer, der zwar in Berlin gründete, dann aber nach Köln umgesiedelt ist. Er nannte erfreulich viele Alleinstellungsmerkmale, die für Köln sprechen: Ein breites Kundenspektrum, qualitative und teamorientierte Bewerber oder auch die Tatsache, dass sich hier viele Kräfte bemühen, ein Start-Up-Unternehmen nachhaltig zu sichern, gegenüber der Berliner Mentalität, die er als eher Exit-orientiert erlebte. Wir sollten uns selbstbewusst auf diese Stärken konzentrieren und weniger auf andere Regionen schauen. Es bringt auch nichts, zu einem „Cologne Valley“ werden zu wollen. Das hieße letztlich doch nur, andere Modelle zu kopieren. Das haben wir gar nicht nötig. Schaffen wir es, die Attraktivität Kölns besser in Richtung der Startups zu vermarkten, werden auf Dauer alle davon profitieren. Die dafür notwendige Marke, zum Beispiel „Startup Cologne“ oder „Startup Factory Cologne“, gibt es für Köln noch nicht. Wir sind aber bereits an dieser Frage dran. Dass sich grundsätzlich die Vorteile von Köln nicht allein verkaufen, ist bekannt. Deshalb gibt es ja auch zum Beispiel den Markenprozess der Stadt.

Welche Tipps können Sie Menschen geben, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen?

Ulf Reichardt: Zwei Punkte sind mir an dieser Stelle immer besonders wichtig: Gehen Sie die Sache strukturiert an, und holen Sie sich Feedback zu Ihrer Idee und Ihren Planungen, so früh es irgendwie geht und so viel Sie bekommen können. Gerne bei der IHK. Nur so können Sie grobe Fehler, so weit möglich, vermeiden. Und Sie bekommen frühzeitig erste Reaktionen des Marktes, ob Ihre Idee überhaupt ankommt und ausreichende Umsätze erzielen kann.

Angenommen Sie würden jetzt gründen wollen. In welcher Weise würde die aktuelle Wirtschaftslage Einfluss auf diese Entscheidung nehmen?

Ulf Reichardt: Die schon länger andauernde positive Wirtschaftsentwicklung bietet auch Startups einen guten, stabilen Nährboden. Nach den aktuellen Anzeichen und unseren Umfragen zu Folge scheint sich der Trend vor allem hier in der Region auch bis in das kommende Jahr hinein fortzusetzen. Insofern bietet sich jetzt ein guter Startzeitpunkt an, in dem ich als Gründer genügend Kunden für die wichtige Aufbauphase gewinnen kann. Diese Chance würde ich unbedingt nutzen wollen.

Warum sind aus Ihrer Sicht die kommenden zwei Jahre für die Digitale Wirtschaft entscheidend?

Ulf Reichardt: Digitalisierung ist kein Trend und daher greift eine kurz- oder mittelfristige Betrachtung viel zu kurz. Dennoch ist Eile geboten. Digitale Produktzyklen verkürzen sich zunehmend. Der Wandel ganzer Branchen und ein Ringen um Vorreiterschaft für Märkte und Technologien ist längst im Gange – täglich lesen wir in der digitalen Welt von Fusionen, Auf- oder Zukauf von Konkurrenz, Technologien oder neuen Geschäftszweigen. Bestmögliche Rahmenbedingungen, wie Infrastrukturen oder Digitale Kompetenz oder auch regionale Aktivitäten müssen jetzt angestoßen werden, um bei diesem Tempo mitzuhalten zu können. Denn eines ist klar: die Digitalisierung kommt nicht. Sie ist schon längst da!

Welchen Einfluss nimmt die Digitalpolitik der EU auf die Region Köln? Wirkt sich dies überhaupt auf die Unternehmen aus?

Ulf Reichardt: Selbstverständlich wirken sich die Vorgaben der Digitalpolitik auf die regionalen Unternehmen aus; positiv wie negativ. In einer Digitalen Wirtschaft steht man im überall vernetzten – also globalen – Wettbewerb. Daher ist es wichtig, einheitliche „Spielregeln“ anzustreben – wie zum Beispiel Netzneutralität oder eine einheitliche Datenschutzregelung -, die die Wirtschaft unterstützen sollen. Um in diesem Wachstumsmarkt eine wichtige Rolle zu spielen, sollten die EU-Vorgaben auch immer auf Auswirkungen bei der Digitalisierung der Wirtschaft überprüft werden – wie vor kurzem vom BITKOM auf nationaler Ebene gefordert. Aktuell ist Politik und Rechtsprechung noch nicht optimal auf diesen digitalen Schub ausgerichtet, daher ist auch der Blick und Vergleich zu wagniskapitalgetriebenen Ländern erlaubt.

Wie kann die Stadt Köln sich für etablierte Unternehmen im Digital Business zum ersten Wahlstandort entwickeln?

Ulf Reichardt: Unsere Region bietet hervorragende Möglichkeiten, diesen Digitalisierungs-Wandel zu nutzen und sich als starker Wirtschaftsstandort zu positionieren. Wir haben im nationalen Vergleich eine sehr gute Infrastruktur und Breitbandanbindung, wir sind ein etablierter digitaler Messe- und Veranstaltungsstandort, hier gibt es ein starkes Netzwerk von Akteuren in der Digitalen Wirtschaft, als Bildungsstandort sind wir ausgezeichnet, der leistungsfähige Branchen-Mix fragt als Digitalisierungs-Anwender die entsprechenden Leistungen nach und wir sind mitten drin in der starken, digitalen Region Rheinland.
Wichtig ist auch an dieser Stelle: Köln muss sich noch viel mehr einen Namen machen, eine Marke mit Signalwirkung auch für etablierte Unternehmen im Digital Business entwickeln. Nochmal: Wie in einem Unternehmen auch verkaufen sich die Vorteile Kölns nicht von selbst. Hier arbeiten wir bei der IHK an Vernetzungs- und Kommunikationsformaten, damit aus der Vielfalt auch Schlagkraft entsteht!

Bei welchem Startup würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?

Ulf Reichardt: Am liebsten bei allen! Ich finde gerade die Vielseitigkeit und Wendigkeit bei den Startups so spannend, dass ich gerne jeden Tag woanders wäre, um mir alles anschauen zu können, woran gerade gearbeitet und entwickelt wird. Schließlich ist es ja gerade dieser Aspekt, der neben anderen die Startup-Szene kennzeichnet. Außerdem wünsche ich mir, dass jede gute und tragfähige Idee ihre Chance am Markt erhält!

Herr Reichardt, vielen Dank für unser Gespräch.

Für interessierte Startup-Gründer eignet sich ein Besuch der „Start up! Dein Tag zum Gründen„-Konferenz. Die Veranstaltung findet am 10. Juli 2014 in Köln statt und lockt rund 200 Teilnehmer zu Vorträgen und Workshops mit Vertretern aus der Digitalen Wirtschaft und Startup-Szene.

Mike Schnoor

Mike Schnoor ist Senior Partner von Guts & Glory, der Manufaktur für die Digitalisierung von Marken, Unternehmen und Institutionen. Als Berater sorgt er dafür, dass Unternehmen sich im digitalen Wettbewerb hinsichtlich Kommunikation, Prozesse, Kreation und Social Media richtig positionieren können. Seine beruflichen Schwerpunkte liegen in der Digitalen Transformation, Kommunikation, Digital Strategy, Marketing, Public Relations und Social Media. Auf seinem persönlichen Blog mikeschnoor.com und im Magazin #DigiBuzz veröffentlicht er verschiedene Fachartikel zu seinem Themenportfolio. Folge @MikeSchnoor bei Twitter!

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1 Reaktion

  1. 27. August 2014

    […] „Digitalisierung kommt nicht. Sie ist schon längst da!“ Interview mit Ulf Reichardt bei Diggibuzz – einem Magazin für das Digital Business […]

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